Eine Stadt- und Regionalstudie zur antiken Siedlungsgeschichte im südlichen Andalusien
Carissa Aurelia und das Tal des Guadalete
Im Süden der Iberischen Halbinsel befindet sich im Hinterland von Cádiz das bislang wenig erforschte Tal des Guadalete. Eingefasst von hohen Bergen im Süden bzw. Hügelketten im Norden bildet es eine gut definierte Siedlungskammer, die von der Atlantikküste bis zum Quellgebiet des Flusses in der Sierra de Grazalema ca. 80 km ins Landesinnere reicht. Die bedeutendste antike Siedlung im oberen Verlauf des Guadalete-Tals bildete die auf einem gut verteidigbaren Bergrücken gelegene, antike Stadt Carissa Aurelia. In einem von der Fritz Thyssen Stiftung geförderten Kooperationsprojekt der Universitäten Köln, Kiel, Groningen und Sevilla werden seit 2021 in zwei Teilprojekten das Stadtgebiet Carissas und sein unmittelbares Umland untersucht.
Carissa Aurelia wurde ursprünglich von den iberischen Turdetani im 6./5. Jh.v.Chr. gegründet, geriet aber ab dem 4. Jh.v.Chr. unter punische, dann um 200 v.Chr. unter römische Dominanz mit jeweils nachhaltigen kulturellen Auswirkungen und tiefgreifenden Folgen für die Siedlungs-, Wirtschafts- und Sozialstruktur. Die wirtschaftliche Grundlage der Region beruhte auf einer breiten agrarischen Nutzung der fruchtbaren Talflächen, die insbesondere in der römischen Kaiserzeit mittels einer intensivierten Überschussproduktion primär von Getreide und dessen Export wohl zu einer Prosperitätsphase beitrug, ebenso wie Wolle ein weiterer Wirtschaftszweig gewesen zu sein scheint. Eine anzunehmende Umstrukturierung des Agrarsystems hin zur typisch römischen Villenbewirtschaftung, die steigende Integration der Region in weitreichende Austauschnetzwerke des Römischen Reichs, eine aufwendige Monumentalisierung des Stadtbilds sowie nachhaltige Veränderungen in der materiellen Kultur sind nur einige Teilfacetten dieser vielschichtigen, die sozio-politischen Umbrüche begleitenden Entwicklungsdynamiken.
Ziel des Projekts ist eine möglichst weitreichende, diachrone Untersuchung der Stadt Carissa und ihrer Mikroregion unter verschiedensten siedlungs-, wirtschafts- und kulturhistorischen Fragestellungen. Während der chronologische Schwerpunkt in der klassischen Antike (6./5. Jh.v. bis 4./5. Jh.n.Chr.) liegt, sollen auch davorliegende und spätere Zeitstufen, bis zum Ende des Mittelalters, Berücksichtigung finden, um so eine gesamtheitliche Betrachtung dieser Mikroregion in der longue durée zu ermöglichen. So zeichnet sich z.B. immer mehr ab, dass Carissa in islamischer Zeit eine größere Bedeutung zukam, als bisher angenommen.
Die Projektstrategie sieht eine parallel geführte und eng vernetzte Untersuchung von Stadt und Umland mit einer Kombination extensiver und intensiver Untersuchungsansätze vor. Dabei kommt ein breites nicht-invasives Methodenrepertoire (remote sensing, Geophysik, Survey), ergänzt von gezielten mikro-invasiven Untersuchungen (Bohrungen, geochemische Bodenanalysen, stratigraphische Sondagen) zur Anwendung. Flankierende qualitative und quantifizierende Materialanalysen (u.a. Keramik, Archäozoologie, -botanik) liefern zusätzliche Erkenntnisse zur materiellen Kultur und Wirtschaftsgeschichte.
Verantwortliche: M. Heinzelmann (Köln), J. Lehmann (Kiel), T. de Haas (Groningen), J. Beltran Fortes (Sevilla), D. Romero Vera (Sevilla)
Organisation: Ch. Avenarius
Kooperationen: Universidad de Sevilla, Rijksuniversiteit Groningen, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Junta de Andalucía, Ayuntamiento de Bornos, Ayuntamiento de Espera, Museo Arqueológico de Espera
Förderung: Fritz Thyssen Stiftung
Kurzberichte:
- Prospektionskampagne 2021
- Erste Grabungskampagne 2024
- Zeitungsbericht ‚Portal de Cádiz’ vom 17.7.2024
- Zeitungsbericht ‚El País’ vom 24.7.2024
- Zeitungsbericht ‚Diario de Cádiz’ vom 26.9.2024
- Zeitungsbericht ‚Diario de Cádiz’ vom 14.9.2025
- Fernsehreportage ‚Canal Sur’ vom 21.10.2024
- Internationaler Workshop über Carissa Aurelia am DAI Madrid, 21./22.2.2025
- Zeitungsbericht über Workshop Madrid, La Noción vom 26.2.2025
- Zweite Grabungskampagne 2025
- Fernsehreportage ‚Canal Sur’ vom 20.10.2025
Publikationen
M. Heinzelmann - J. Lehmann - A. Schröder - D. Romero Vera - J. Beltrán Fortes, Neue siedlungsarchäologische Untersuchungen in Carissa Aurelia (Andalusien), Kölner und Bonner Archaeologica 11/12, 2021/22, 113-132
M. Heinzelmann - J. Beltrán Fortes - D. Romero Vera - J. Lehmann - A. Schröder, Carissa Aurelia (Bornos-Espera, Cádiz). Resultados de las últimas investigaciones arqueológicas con metodología non invasiva, Archivo Español de Arqueologia 97, 2024, 1-23
J. Beltrán Fortes - M. Heinzelmann - J. Lehmann - D. Romero Vera - A. Schröder, Carissa Aurelia, in: T. Nogales Basarrate (Hrsg.), Ciudades Romanas de Hispania II (Rom 2022) 253-264