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Aktuelle Forschungen Detail

Ostia: Konstantinische Bischofskirche

Dritte Ausgrabungskampagne 2025

Vom 1.9. bis 15.10.2025 fand in Ostia eine dritte Ausgrabungskampagne im Bereich der konstantinischen Bischofskirche statt. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und findet in Kooperation mit dem Deutschen Archäologischen Institut Rom und den Universitäten Bonn und Rom ‚La Sapienza’ statt. Bei der 1996 im Rahmen von geophysikalischen Prospektionen entdeckten Basilika handelt es sich um die einzige konstantinische Kirchenstiftung, die später nicht überbaut wurde, womit sich die singuläre Möglichkeit bietet, einen der frühesten Kirchenbauten des Christentums großflächig zu untersuchen. Da sie über älteren Vorgängerbauten errichtet wurde und bis ins 9. Jh. in Benutzung blieb, bietet sich zudem die Chance, neue Einblicke in die langfristige urbanistische Entwicklung der Regio V zu gewinnen.

Während sich die Arbeiten der Kampagnen 2023 und 2024 auf die dreischiffige Basilika konzentrierten, konnte in der aktuellen Grabungskampagne der Ostteil des Atriums, das südlich gelegene Baptisterium und Teile eines daran anschließenden Gebäudekomplexes untersucht werden. Letzterer umfasste u.a. einen großen, luxuriös ausgestatteten Empfangsaal, womit die Nutzung dieses Bereichs als Bischofsresidenz wahrscheinlich wird.

Im Bereich des Atriums wurden Teile des südlichen Umgangs und des Innenhofs untersucht. Dabei konnten konstruktive Details der ursprünglichen Atriumsanlage und spätere Nutzungsphasen geklärt werden. So wurde der Atriumsumgang ab dem 5. Jh. für Bestattungen genutzt, von denen eine vollständig intakt war und mit wiederverwendeten Inschriftenplatten ausgekleidet und abgedeckt war. Unter dem Atriumsumgang wurde der Fußboden der hadrianischen Insula erreicht und eine zugehörige Bleirohrleitung freigelegt. Im Innenhof des Atriums fanden sich mit Marmor verkleidete Wasserbecken und Kanäle, die auf eine aufwendige Gartengestaltung des Insula-Innenhofs in severischer Zeit hinweisen. Im gesamten bislang erfassten Bereich des Atriums fanden sich Spuren einer intensiven karolingischen Nachnutzung, bei der teilweise tiefe Ausschachtungen, die Einbringung von Arbeitsinstallationen und die Anlage einfacher Fußböden aus Spolienmaterial erfolgte.

Das südlich an das Atrium anstoßende Baptisterium wurde auf der gesamten Fläche freigelegt. Es weist mehrere Bauphasen auf. Ursprünglich bestand es aus einem großen Rechteckraum, der über einen vorgelagerten Korridor im Westen zugänglich war und über Türen mit dem Atrium und der südlich gelegenen Aula verbunden war. Erst in einer zweiten Phase erfolge der Einbau einer kreisrunden, mit Marmor verkleideten Piscina und damit die Umwandlung in ein regelrechtes Baptisterum. Erst in einer nochmals späteren, wahrscheinlich karolingischen Phase erfolgte der Anbau einer großen, hufeisenbogenförmigen Apsis im Osten. Da in diesem Zusammenhang Kapitelle aus der konstantinischen Basilika wiederverwendet wurden, scheint es möglich, dass das Baptisterium in dieser spätesten Nutzungsphase als eingeständiger Kirchenbau, anstelle der verfallenden konstantinischen Kirche umfunktioniert wurde.

Südlich des Baptisteriums wurde die gesamte Fläche bis zur ehemaligen Stadtmauer freigelegt, deren spätrepublikanischer Caementiciumkern in einer Tiefsondage erfasst wurde. Zur großen Überraschung nahm fast die gesamte Fläche zwischen Baptisterium und Stadtmauer ein ca. 20 x 8 m großer Saalraum ein, der zur ursprünglichen konstantinischen Kirchenanlage gehört. Seine südliche Außenwand war vollständig in den Innenraum verstürzt, wodurch sich eine Mindestraumhöhe von 8 m rekonstruieren lässt. Auch dieser Raum war, wie das benachbarte Baptisterium, über den erwähnten Korridor im Westen erschlossen, auf den er sich in ganzer Breite mit einer Doppelsäulenstellung öffnete (Basen in situ). Sowohl im Korridor wie auch in der großen Aula sind großflächige Reste eines schwarz-weißen Mosaikbodens mit geometrischem Dekor erhalten. Die Wände des Saalraums waren ursprünglich im unteren Bereich mit Marmor verkleidet, wovon noch umfangreiche Teile in situ angetroffen wurden. Die höheren Wandpartien scheinen entsprechend der im Versturz gefundenen Verputzfragmente mit polychromer Wandmalerei dekoriert gewesen zu sein. An der östlichen Schmalseite des Raums befand sich in der ursprünglichen Bauphase eine breite Tür, die Zugang zu einem Korridor mit Mosaikfußboden gab, der zum Südseitenschiff der Basilika führte. Auf seiner Ostseite führten drei Türen zu weiteren, noch nicht ausgegrabenen Räumen. In einer späteren Phase wurde Verbindungstür zwischen Aula und Korridor mit einer Apsis zugesetzt, deren Inneres als aufwendig dekoriertes, mit Marmor ausgekleidetes Wasserbecken gestaltet war. Eine entsprechende Bleirohrleitung fand sich auf der östlichen Außenseite der Apsis. Die Gestaltung der Apsis erinnert an zeitgleiche Nymphäumsanlagen in spätantiken Wohnhäusern Ostias. Ungewöhnlich ist jedoch, dass von der Aula mehrere Stufen in das Wasserbecken führten, so dass auch eine Nutzung als Protobaptisterium nicht ausgeschlossen werden kann. Erwähnenswert ist schließlich ein Küchenanbau auf der Südseite der Aula.

Bei dem freigelegten Saalraum handelt es sich um die bislang größte spätantike Anlage dieser Art in Ostia. Die aufwendige Inszenierung des Zugangs, Größe und prächtige Ausgestaltung des Raums verdeutlichen, dass es sich um eine Aula zum Empfang großer Personengruppen handelte. Neben den kirchlichen Aufgaben erfüllte der konstantinische Baukomplex demnach auch repräsentative Funktionen des Bischofs von Ostia, weshalb die Räume südlich von Kirche und Atrium als regelrechtes Episkopium angesprochen werden können. Seine Untersuchung ist für die kommenden Kampagnen geplant.

 

Leitung: S. Feist (Bonn), M. Heinzelmann (Köln), N. Zimmermann (DAI Rom), E. Borgia (Rom)

Organisation: M. Berger, H. Boes, Ch. Schöne

Teilnehmende: S. Feist, M. Heinzelmann, N. Zimmermann (Projektleitung), E. Borgia (Leitung Fundbearbeitung), M. Berger, H. Boes, Ch. Schöne (Grabungstechnik, Koordination und Grabungsorganisation), D. M. Beermann, K. Göttsch, J. Knechtel, L. Vornweg, D. Schnalke (Schnittleitung), D. Heinzelmann (Bauaufnahme), F. Capriuoli (Laserscanning), D. Aubakirova, A. Bah, B. Bartz, F. Becker, M. Braccini, L. Bringmann, J. Chowanietz, L. D’Ingegno, J. Frenzel, D. Galliani, J. Han, Th. Isenbart, A. Kovčalija, M. Kuźmiński, Ch. La Mesa, L. Loos, N. Matassa, F. Murakawa, J. Neyer, F. Ospedale, D. Palmerino, S. Pato Queiros, J. P. Sauder, Ch. Schwaiger, C. Spahr, J. von Thadden, F. Zeiger, L. Zhu (Grabung), M. Elefante, A. Troiani, G. Iacomelli (Koordination der Fundbearbeitung), L. Alhasan, D. Alonzi, K. Avanzi, E. Busti, L. Casagrande, Ch. Della Torca, M. Quaresima, A. Rossignoli, M. Fattizzo, G. Silvestri, S. Berardino, J. Lotti (Fundbearbeitung), S. Kinsey, M. Schepers (Archäobotanik), D. Hinz (VR).

Kooperation: Deutsches Archäologisches Institut Rom, Abt. Christliche Archäologie Universität Bonn, Università ‚La Sapienza‘ Rom, Parco Archeologico di Ostia antica, Pontificio Istituto di Archeologia Cristiana, Universität Groningen

Finanzierung: Deutsche Forschungsgemeinschaft